Sind Zeitreisen möglich?

Seit einiger Zeit erhalte ich Textdateien aus dem Jahr 2061. Der Absender in der Zukunft heißt Christopher. Als selbständiger Softwareentwickler habe ich nach und nach jeden Zweifel an der Herkunft ausgeräumt. Offensichtlich sind Zeitreisen in die Vergangenheit zukünftig möglich. Das gilt zumindest für Informationen.

Screenshot: Zeitreise-1.txt

Screenshot: Datei Zeitreise-1.txt auf dem Festplattenlaufwerk

Die erste Datei (Zeitreise-1.txt), enthält eine Art Brief, den ich nachfolgend veröffentliche. Alle weiteren Dateien, die ich bis jetzt erhalten habe, enthalten jeweils eine News. Jede News betrifft einen Tag, der exakt 45 Jahre in der Zukunft liegt. Diese Nachrichten aus der Zukunft werde ich auf dieser Website veröffentlichen.

Bei dem folgenden Brief handelt sich um den Originaltext. Lediglich die Auflockerung durch Zitate und die Anpassung der Schreibweise einiger Wörter an die heutige Zeit erfolgten durch mich. Nicht geläufige oder unbekannte Wörter habe ich markiert und – soweit möglich – mit Erklärungen versehen.

Brief von Christopher

Dies ist meines Wissens die erste Mitteilung, die auf eine Zeitreise in die Vergangenheit gesendet wird.

Mein Name ist Christopher und ich werde in neun Jahren geboren. In meinen Kreisen nennt man mich Niemand. In eurer Zeit würde man mich vielleicht als Grey Hat Hacker bezeichnen. Heute ist das wesentlich komplizierter.

Heute? Das ist das Jahr 2061.

„Mein Plan: Änderung durch Information.“

Es ist das Jahr, in dem mein Leben begann, mir zu entgleiten. Nicht, dass ich irgendetwas bereuen würde, nein! Aber einige meiner Fehler hatten verheerende Konsequenzen, die mich unvorbereitet trafen.

Ich möchte die Vergangenheit verändern, damit das Chaos in meinem Leben erst gar nicht entsteht. Mein Plan: Änderung durch Information.

Indem ich aktuelle News aus meiner Zeit in die Vergangenheit sende, ändere ich das Universum. Vielleicht sogar allgemein zum Positiven. Das wird sich aber nicht auf meine Welt und damit auch nicht auf mich persönlich auswirken. Immerhin aber ist das eine Chance für meine Alter Egos in den dadurch entstehenden Parallelwelten.

„Seit vielen Jahren gab es ungeklärte Todesfälle unter Hackern.“

Anfangs war es nur ein Spiel. Als erster Unbefugter in einem gut gesicherten Firmen-Netzwerk spürt man eine Nähe zu Kolumbus, Armstrong oder Chang. Motivation ist hier weniger der Thrill des Verbotenen als vielmehr der Endorphinen-Tsunami, der einen erwartet, wenn man ein System überlistet hat. Wenn das gelingt, muss der nächste Hax größer sein als der vorherige usw. „Niemand“ wurde schnell zu meinem keyName, denn ich war perfekt im Beseitigen meiner Spuren.

Bis zum ersten Fehler. Mein erster großer Fehler löste eine Kette von Ereignissen aus, die in der Manipulation meiner Person gipfelten.

Seit vielen Jahren gab es ungeklärte Todesfälle unter Hackern. Insider wussten, dass die Opfer meist einer großen Sache auf der Spur waren. Seitdem diese Fälle aber auch außerhalb der Szene große Aufmerksamkeit erregten, gehen die Geheimdienste der Konzerne subtiler vor.

Heute kann man durch praktisch kaum nachweisbare Eingriffe in Gehirn und Nervensystem die Bildung von Botenstoffen gezielt manipulieren. Die Angreifer verringern die Bildung von Hormonen, die Hacker antreiben, das zu tun, was sie tun. Verstärkt wird gleichzeitig die Produktion von Botenstoffen, die psychische Erkrankungen fördern. Spezielle Anästhesieverfahren sorgen dafür, dass sich die Betroffenen an Überfall und Eingriff nicht erinnern.

„Meine kognitiven Fähigkeiten befinden sich in einem Bereich, der mir nicht mehr natürlich erscheint.“

Die entsprechenden Gerüchte waren für mich jedoch eher Verschwörungstheorien. Es gab keine Beweise. In den teilweise hitzigen Diskussionen konnte man mich auch nicht mit der auffälligen Häufung von neurotischen und depressiven Hackern in mehreren Ländern überzeugen.

Bis ich selbst Opfer wurde.

Doch die Attacke auf mich ist offenbar missglückt. So erinnere ich mich an den Zugriff und an die Vorbereitungen des Eingriffs. Zwar nur sehr bruchstückhaft, aber ich kann die Veränderungen meines Wesens klar diesem Ereignis zuordnen. Außerdem spüre ich keinerlei Antriebslosigkeit oder Symptome psychischer Erkrankungen. Bis auf eine Art Verfolgungswahn, der aber durch ein solches Ereignis ohnehin verursacht werden kann.

Das Entscheidende ist jedoch: Meine kognitiven Fähigkeiten befinden sich seit diesem Ereignis in einem Bereich, der mir nicht mehr natürlich erscheint. Ich kann mich perfekt konzentrieren, brauche kaum Schlaf und kann mich im Nichts orientieren.

Tatsächlich ist die Wirkung aber nicht gut zu beschreiben. Denn alle Fähigkeiten sind geprägt von einem mächtigen Gefühl. Ich spüre die Kraft, Lösungen zu finden, bevor entsprechende Probleme entstanden sind.

„Ich hatte die Daten auf eine Zeitreise in die Vergangenheit gesendet.“

Als ich kürzlich meine politisch brisante Datensammlung möglichst effektiv verstecken wollte, kamen mir meine geschärften Sinne sehr gelegen. Ich nutzte für meine Experimente heute nicht mehr gebräuchliche magnetische Festplattenlaufwerke. Sicherungen auf aktuellen Speichermedien sind durch Hintertüren staatlicher und wirtschaftlicher Dienste zu unsicher. Die Kombination aus Verschlüsselung und heute bekannten Techniken der Quantenphysik in Verbindung mit den magnetischen Effekten von Festplattenscheiben sollte mir eine sicher getarnte Speicherung ermöglichen.

Bewusst verließ ich gängige Pfade, experimentierte mit Dimensionen und Tachyonen. Bei einem der Versuche geschah etwas völlig Unerwartetes. Unmittelbar nach Speicherung der Daten waren diese plötzlich verschwunden. Nach diversen Tests stellte ich fest, dass die beim Speichervorgang verwendeten Speicherbereiche der Festplattenscheiben gar nicht magnetisiert und damit nicht beschrieben wurden. Nach dem Speichern waren die Daten also verschwunden, als hätten sie nie existiert.

Aufgrund der verwendeten Techniken hatte ich zwar eine Vermutung. Aber diese erschien mir so abwegig, dass ich sie mit einem Weggefährten meines abgebrochenen Physikstudiums besprach. Der inzwischen erfolgreiche Physiker bestätigte meine Vermutung schließlich mit einer Formel: Ich hatte die Daten auf eine Zeitreise in die Vergangenheit gesendet. Die Formel enthielt auch den Wert einer Zeiteinheit. Durch die Veränderung dieses Parameters konnte ich nun sogar den Zeitpunkt bestimmen, zu dem meine Daten in der Vergangenheit erscheinen sollten.

„Unsere ‚Kommunikation‘ muss für alle Zeiten einseitig bleiben.“

Durch die Formel, die in sich so schlüssig war wie der Beweis einer mathematischen Aussage, weiß ich, dass diese Daten tatsächlich in der Vergangenheit landen. Leider werde ich das niemals durch entsprechende Auswirkungen überprüfen können.

Warum das so ist, ist aufgrund der Komplexität der Vorgänge mit dem menschlichen Gehirn kaum zu erfassen. Ich möchte dennoch – stark vereinfacht – kurz beschreiben, was passiert.

Allseits anerkannt, wenn auch nie bewiesen, ist inzwischen die Theorie, dass Zeitreise-Paradoxa nur durch die Annahme einer Existenz von Parallelwelten aufzulösen sind. Demnach entsteht im Augenblick der Veränderung der Vergangenheit eine neue zeitliche Linie. Jede Veränderung, die sich durch den Versand meiner Daten in die Vergangenheit ergibt, hat also nur Auswirkungen auf eine neue Parallelwelt. Nicht aber auf die Welt, in der ich mich selbst befinde. Unsere „Kommunikation“ muss aus diesem Grund für alle Zeiten einseitig bleiben.

„montags, mittwochs und freitags“

Ich sende diese Zeilen 45 Jahre in die Vergangenheit, da dies dem höchsten Wert für den Zeitparameter der Formel entspricht. Dafür habe ich nach langer Suche ein Festplattenlaufwerk organisieren können, das zu diesem Zeitpunkt in Benutzung war und das nach einer kleineren Reparatur heute noch funktioniert. Um keinen Zusammenbruch des Systems zu provozieren, kann ich pro Woche nur rund 15 Kilobyte Daten senden. Wenn ich montags, mittwochs und freitags jeweils eine aktuelle News sende, wird diese Datenmenge nicht überschritten.

„Drei nEuro im Jahr 2061 entsprechen ungefähr einem Euro im Jahr 2016.“

Mit der folgenden Info können eventuelle Währungsangaben in den News besser eingeordnet werden: Nach einer schweren Weltwirtschaftskrise lautet die Währung der Europäischen Wirtschafts- und Währungsunion nicht mehr Euro sondern nEuro. Drei nEuro im Jahr 2061 entsprechen ungefähr einem Euro im Jahr 2016.

Den Finder dieser Zeilen bitte ich, die News möglichst vielen Menschen zugänglich zu machen. Ich kann nicht ausschließen, dass einzelne Bits durch die Übermittlung verändert werden. Bei den Texten bitte ich um Korrektur, bei den Bildern um Nachsicht. Die News werde ich ab dem 5. September 2061 jeweils exakt 45 Jahre in die Vergangenheit senden.

Für deinen Aufwand sollst du einen Ausgleich erhalten: Am 1. Spieltag der Fußball-Bundesliga wird der FC Bayern gegen Werder Bremen mit 6:0 und Frankfurt gegen Schalke mit 1:0 gewinnen. Im Spiel Hertha BSC gegen Freiburg werden beide Mannschaften in der Nachspielzeit ein Tor erzielen. Mit diesem Wissen sollte bei Sportwetten ein kleines Vermögen zu erzielen sein. Setze aber keine fünfstelligen Summen, sonst könnten Wettbüros misstrauisch werden, wenn du zuvor nie getippt hast.

Außerdem solltest du dich eventuell als Autor dieser Zeilen ausgeben, da man dir vielleicht erst einmal nicht glauben wird. Soweit ich weiß waren Notlügen in Eurer Zeit moralisch noch akzeptabel.

Good luck!

Chistopher

In meiner Beschreibung der Ereignisse erfahren Sie, wie ich diesen Text gefunden habe und was daraufhin passierte.